Texte aus "Forum Psychosomatik" der Stiftung Lebensnerv, 2. Teil



Forum Psychosomatik, 1. Halbjahr 2000, Auswahl aus 15 Heften

"MS als körperlicher Lösungsversuch" von Sigrid Arnade, Erstveröffentlichung 1/96

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Heimliche Hypothesen zur Psychosomatik der MS

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Übereinstimmend wurde die MS als Lösungsversuch auf der körperlichen Ebene bezeichnet. Ansonsten differierten die Hypothesen, wobei manche Aspekte sich ähnelten und vieles von mehreren TeilnehmerInnen genannt wurde. Insbesondere hinsichtlich der Frage, was wie durch die Krankheit gelöst werden solle, wurden verschiedene Hypothesen angeboten.

Die MS bzw. die MS-Symptome könnten einen Lösungsversuch darstellen

Auch zur Ätiologie der MS wurden verschiedene Hypothesen genannt:

"Die Medizin braucht mehr "weibliches" Denken", Durch Tasten und Zuhören erschließt sich der Körper als Landkarte von freud- und leidvollen Erinnerungsspuren"; Mechthilde Kütemeyer im Interview

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Sie können ein Leben rekonstruieren, indem Sie den Rücken abtasten. Was hat ein Mensch gemacht, daß seine Muskeln entlang der Wirbelsäule "bretthart" geworden sind? Sie stehen hinter dem Patienten und sagen: "Das ist hart wie ein Brett, wie ist denn das entstanden?" Wenn Sie mutiger sind, fragen Sie: "Wie haben sie das gemacht?" Und der hartgesottene Mann, der gerade noch nach einer OP verlangte, er bricht in Tränen aus; plötzlich offenbart sich ihnen ein anderer Mensch, einer, der sein Herz ausschüttet. Indem Sie die Muskeln des Patienten abtasten, Ihre Wahrnehmungen austauschen, kommt, wie von selbst, seine Geschichte zutage, die den Tastbefund erläutert. ....

(An dieser Stelle fällt mir wieder etwas ein - als ich 2001 in der Kur war, hatte ich zweimal "Atemtherapie". Die Therapeutin tastete auch den Rücken ab und spürte, wie frei oder nicht frei der Atem im Körper fließt. Auch sie sagte mir dann etwas, durch ihre Wahrnehmung, was sie nicht über mich wissen konnte, da wir uns vorher nicht unterhalten haben. Leider konnte ich in der kurzen Zeit keine weiteren Termine teilnehmen - vielleicht nächstes Mal..)

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Frage: Also kein Heil in der Heilkunst?

Kütemeyer: Wir müssen überhaupt erst eine neue Heilungslehre entwickeln. Unsere herkömmliche medizinische Heilungslehre ist dürftig, eindimensional. Die klinische Beobachtung läßt aber in Umrissen einige Gesetze erkennen:

  1. Wir müssen lange abwarten, bis wir eine Krankheit annähernd, auch innerlich, verstehen, erst dann sollten wir handeln, behandeln.
  2. Das richtige, gezielte Heilmittel wird daran erkannt, daß eine geringe Dosis eine große Wirkung erzielt. Die meisten Medikamente, vor allem Schmerzmittel, die lange, oft und in höherer Dosis genommen werden müssen, sind vermutlich falsch.
  3. Das richtige Heilmittel führt oft initial zur Verschlimmerung der Symptomatik. Ärzte, die dieses Gesetz nicht kennen, nehmen an, sie seien auf dem falschen Weg und wechseln, statt abzuwarten, das Medikament. So wird die Heilung, die schon im Gange ist, verpaßt, verspielt.
  4. Viele Patienten wollen gar nicht gesund werden. Die Krankheit ist häufig ihr einziges Kommunikationsmittel, oder sie haben sonst einen dem Arzt unbekannten Gewinn durch die Krankheit, die ihnen deshalb nicht einfach weggenommen werden kann. Anstatt der eigenen Heilsucht und Gesundheitsvorstellung zu erliegen, sollte der Arzt zuerst nach diesen inneren und ganz individuellen Gesetzen und Gewinnen der Krankheit fragen und diese genau kennenlernen. Die herkömmliche Medizin handelt meist in der Annahme, der Patient wolle schnell gesund werden; und auch der Patient drängt ihn, scheinbar, in diese Richtung. So wird die Medizin teuer, weil der meist unbewußte Gegenwille des Patienten oft stärker ist. Der Arzt sollte sich häufiger der Behandlung verweigern: Ich kann nein sagen, abwarten, damit Raum entsteht für den Gewinn der Krankheit. So wird sichtbar, wer Heilung wirklich will, auf welche Weise und wann. So entsteht Raum für das Ja oder Nein des Patienten.

Therapie von drei MS-Patientinnen im Rahmen einer psychosomatischen Klinik" von Dieter Olbrich, Erstveröffentlichung Sommer 1993

Begonnen haben wir unsere Überlegungen zu dieser Vorstellung mit der Frage im Behandlungsteam, ob sich denn die bei uns behandelten MS-Patienten irgendwie unterschieden von den anderen Patienten. Die Antwort aus dem Behandlungsteam war ein spontanes "Ja", ohne daß dies zunächst begründet werden konnte. Wir haben dann in Zusammenarbeit von Tanz- und Bewegungstherapeuten, Oberarzt, Assistenzarzt, Krankengymnasten und mir retrospektiv drei Patientinnen näher beleuchtet und die Therapien aus dem Abstand von im Schnitt einem Jahr nochmal reflektiert. Die drei Patientinnen waren sämtlich junge Frauen, die sich selbst sehr gezielt und bewußt für die Zuweisung in eine psychosomatische Klinik entschieden und sich dafür eingesetzt hatten. Zum Teil fanden sie dafür Verständnis bei ihrem behandelnden Neurologen, in einem Fall auch nicht. Sämtliche Patientinnen haben stationäre neurologische Vorbehandlung erfahren, alle drei hatten bisher Rehabilitation und stationäre Heilverfahren noch nicht in Anspruch genommen. Dazu kontrastierte, daß alle drei voll im Berufsleben standen, wobei die Arbeitssituation geprägt war von sehr viel Verantwortung, teilweise in leitender Stellung, sich innerlich jedoch überfordert fühlen, ohne dies benennen zu können. Alle drei Patientinnen waren bei Beginn der Behandlung arbeitsfähig, die Behandlungsdauer lag bei allen dreien bei zwei Monaten.

Hinsichtlich bestehender Partnerschaften lebte eine Patientin alleine, eine war geschieden und lebte in einer Partnerschaft und eine war verheiratet und hatte ein Kind. Und nun einige medizinische Daten: Zweimal handelt es sich um einen schubförmigen, einmal um einen chronisch progredienten Verlauf. Die Diagnosestellung lag in keinem Fall länger als zwei Jahre zurück, die Symptomatik dagegen schon. Die neurologischen Befunde waren mehr oder weniger ausgeprägt, wobei keine der drei Patientinnen auf Hilfsmittel angewiesen war. Die Einordnung nach der Kurtzke-Skala ergab einen Schweregrad von 4, in einem Fall 4-5. Behandlungen mit Cortison hatten alle drei Patientinnen schon erlebt, Psychotherapievorerfahrung im engen Sinne nicht, allenfalls Literaturstudium und einige Gespräche mit Neurologe oder Hausarzt.

Hinsichtlich der stationären Behandlung möchte ich darauf verweisen, daß wir die erste Woche als Einführungs- und Diagnostikwoche sehen, die folgenden Wochen als eigentliche psychotherapeutische Arbeitsphase und die letzten ein bis zwei Wochen als Entlassungsphase, wobei der Abschied im Mittelpunkt steht. In der Aufnahmewoche erfolgt eine ausführliche klinisch-neurologische Untersuchung sowie zwei Termine zum Erstgespräch und zur Erhebung der biographischen Anamese. Vom Therapiekonzept her wird eine tiefenpsychologisch fundierte Gruppentherapie praktiziert, die entweder in mehr verbal ausgerichteten, analytisch orientierten Gruppen oder in der Tanz- und Bewegungstherapie stattfindet. Die Gruppe findet viermal wöchentlich statt, dazwischen bleibt viel Zeit und Gelegenheit zum Reflektieren und für den Kontakt zu Mitpatienten. Zusätzlich findet regelmäßig funktionelle Bewegungstherapie und abhängig von der Indikation auch krankengymnastische Einzelbehandlung statt.

Die psychogenetischen (seelisch bedeutsamen) Aspekte, die bei den Erstinterviews deutlich wurden, zeigt folgendes:

a. Zusammenhang von Schub/Erstmanifestation
b. Vaterbild
c. Mutterbild
d. Geschwister
e. Rolle
f. frühere Symptomatik

Patientin 1:
a. Arbeit, Überlastung, "allein gelassen" fühlen
b. "Gott", war nie da, streng
c. untergeordnet, viel Gefühl, nie gezeigt
d. Einzelkind
e. Mutter-Vertraute, sollte Sohn sein
f. Bulimie (Eß-Brech-Sucht), Selbstmordversuch

Patientin 2:
a. Geburt des 1. Kindes ("März-Schübe")
b. "Lebemann", Scheidung der Eltern
c. wohnt bei Mutter, enge Bindung, wenig Schutz (Wiederheirat)
d. Einzelkind
e. Mutter-Vertraute, sollte Sohn sein
f. Fettsucht, depressive Symptome im Zusammenhang mit Trennung

Patientin 3:
a. Trennung aus 7jähriger Beziehung
b. "unberechenbarer Alkoholiker"
c. aufopfernd, weich, inkonsequent, "mich allein gelassen"
d. Älteste von 3
e. Mutter-Ersatz
f. Fettsucht

Alle drei sahen einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Erstmanifestation bzw. von Schüben und äußeren bzw. inneren Begebenheiten, wobei die Themen, sich überlastet und alleingelassen zu fühlen sowie Trennung im Mittelpunkt standen. Bemerkenswert erscheint mir Pat. 2, bei der ich "Märzschübe" geschrieben habe. Die Patientin selbst wurde im März geboren, war ungewolltes Einzelkind, hätte eigentlich ein Junge werden sollen. Väterlicherseits wurde ihr mehr oder weniger offen ihre Existenz permanent zum Vorwurf gemacht, da sie die Schuldige an der unheilvollen Ehe gewesen sei. Ihre drei Schübe bis hin zu einer kompletten Hemiparese (Halbseitenlähmung) mit völliger Bewegungsunfähigkeit erlebte die Patientin jeweils im März, zeitlich im Zusammenhang mit ihrem Geburtstag. Hier drängt sich natürlich der Gedanke auf, inwieweit auf der einen Seite latente Schuldgefühle, auf der anderen Seite heftige aggressive Impulse gegen den Vater bei der Resomatisierung (Verkörperlichung) eine Rolle gespielt haben mögen. Bei Pat. 3 kam es einen Tag nach der Trennung aus einer langjährigen Beziehung zum ersten Schub.

Bei der Schilderung der Elternfiguren fiel uns auf, daß die Mütter eher blaß blieben, zwar wohlwollend, aber nicht in der Lage, genug Schutz und Stütze zu vermitteln, die Väter dagegen sämtlich konflikthaft besetzt waren. Die Patientinnen selbst waren in zwei Fällen Einzelkinder, im dritten Fall die Älteste von drei Geschwistern, die früh zum Mutterersatz wurde. Auch im Fall der beiden anderen Patientinnen fiel auf, daß sie sehr früh Verantwortung übernehmen mußten und in Rollen gedrängt wurden, die eigentlich Erwachsenen vorbehalten sind (Mutter-Vertraute, möglicherweise Mann-Ersatz).

Bemerkenswert ist, daß alle drei Patientinnen in ihrer Biographie unterschiedlich ausgeprägt psychogene (psychisch bedingte) Symptombildungen aufzuweisen hatten, die von Eßstörungen bis zu depressiven Zustandsbildern reichten. In keinem Falle führte dies jedoch zum damaligen Zeitpunkt zu einer psychotherapeutischen Behandlung.

Therapieverlauf und therapeutische Aspekte

a. Krisen im Verlauf
b. Thema
c. abschließende Patientenbewertung

Patientin 1:
a. Reaktivierung bulimischer Attacken
b. Vater
c. bessere Körperwahrnehmung und Akzeptanz

Patientin 2:
a. schubähnliche Symptomatik, 3 neurol. Untersuchungen, Beruhigung
b. Vater
c. Mutterrolle "realistischer" sehen, aufgelockertes Ich-Ideal

Patientin 3:
a. Schub, Cortisontherapie
b. intensive Haßgefühle auf eigenen Körper, 1 Tag später neurol. Symptome
c. Bedürfnisse besser wahrnehmen

Alle drei Patientinnen nahmen an der Tanz- und Bewegungstherapie teil. Dies war ganz wesentlich mitbestimmt durch ihre eigene Motivation, sich dort verstärkt mit ihrer Körperwahrnehmung auseinandersetzen zu wollen. Zusätzlich erhielten alle drei einzelkrankengymnastische Behandlungen. Während des Therapieverlaufes fanden sich einige bemerkenswerte Ergebnisse bei allen drei Patientinnen: Bei allen spielte die Angst vor einem neuen Schub bzw. vor einer weiteren drastischen Verschlimmerung eine wichtige Rolle, damit einhergehend immer die Phantasie der eigenen Hilflosigkeit, des "Sich-nicht-wehren-Könnens", des "Sich-ergeben-Müssens", wie eine Patientin dies ausdrückte. Ist dies auch tatsächlich eine Realangst, so ist es doch auffällig, daß alle drei Patientinnen im Verlauf der stationären Therapie Krisen erlebten, die in zwei Fällen einhergingen mit einem Schub bzw. einer schubähnlichen Symptomatik, in einem Fall mit Reaktivierung bulimischer Attacken. Bei allen drei Krisen war das Team höchst alarmiert, natürlich ebenso die Patientinnen, wobei immer wieder die Frage diskutiert wurde (zumindest in Bezug auf die Schübe), inwieweit die Behandlung bei uns noch möglich oder eine Verlegung notwendig sei, was jedoch in allen Fällen vermieden werden konnte. Eine Patientin entschied sich für eine kurzfristige hochdosierte Cortisontherapie, wobei sie im Nachhinein davon sprach, die Cortisontabletten als den "ambivalenten Vater" erlebt zu haben: einerseits das Gefühl des unbedingten Brauchens, auf der anderen Seite die innere Ablehnung, sich etwas "toxisches" (giftiges) einzuverleiben.

Ausgelöst wurden die Krisen im Falle der ersten zwei Patientinnen, als ihre konflikthafte Vaterbeziehung Thema in der Gruppe wurde und die latenten aggressiven Impulse auftauchten, im Falle der dritten Patientin, als sie in der Gruppe wohl auch im Zusammenhang mit der ambivalenten Vaterbeziehung Haßgefühle auf den eigenen Körper entwickelte. Von allen drei Patientinnen wurde es als wichtig erlebt, sich in dieser Phase auch "an den Neurologen" als quasi "neue Instanz" wenden zu können, der jedoch gleichzeitig im Gesamtteam, in einem Falle auch in Form meiner Person als Co-Therapeut in der Gruppe präsent war.

Am Beispiel der Pat. 2 mag deutlich werden, daß "der Neurologe" letztendlich keine neutrale Instanz war, sondern eine phantasierte, teilweise idealisierte, allzeit präsente väterliche Instanz: Im Verlauf einer Therapiewoche kam es bei dieser Patientin zu wiederholten Parästhesien (subjektive Mißempfindungen), Sehstörungen, Verschlechterung der Koordinationsstörungen, was dreimal dazu führte, daß die Patientin mich weinend etwa 5 Minuten vor Arbeitsschluß als Neurologe aufsuchte und sehr verängstigt war. Bei den daraufhin durchgeführten neurologischen Kontrolluntersuchungen und dem begleitenden Gespräch wurde jeweils eine ausgeprägte Angstreduktion erreicht und zum nächsten Tag hin war die Symptomatik völlig abgeklungen. In der Gruppe gelang es der Patientin, die "Sprache ihres Körpers" in Verbindung zu setzen mit ihrer Biographie und dem unbearbeiteten Konflikt mit dem leiblichen Vater. Das Ergebnis war, daß ein intensiver Trauerprozeß einsetze. Real setzte sie sich zunehmend mit ihrem Ehemann auseinander, traute ihm schließlich auch mehr "Väterlichkeit" zu, was für sie konkret eine Entlastung bedeutete.

Die abschließende Bewertung nach zweimonatiger Therapie beinhaltete bei allen Patientinnen eine verbesserte Körperwahrnehmung und Akzeptanz. Damit einher ging (unterschiedlich ausgeprägt) auch eine bessere Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und ein realistischeres Umgehen mir den eigenen Rollen. Im Falle der Pat. 2 bedeutete das, daß sie sich nicht mehr ständig bemühte, über eine idealisiserte Mutterrolle den defizitären Vater zu ersetzen. Sämtliche Patientinnen hielten in der Folgezeit über Kartengrüße und Rückmeldungen losen Kontakt zu ihren Therapeuten beispielsweise zur Klinik. In allen drei Fällen hatte die Behandlung auch reale Konsequenzen, am ausgeprägtesten im Fall der Pat. 2, die arbeitsunfähig aus der stationären Behandlung ging, da sie ihrer Tätigkeit, wie sie nun selbst sah, nicht gewachsen war und eine entsprechende Arbeitsplatzumbesetzung anstrebte. Dies war für sie zum Aufnahmezeitpunkt noch völlig undenkbar gewesen. Ähnliche Konsequenzen, wenn auch nicht so weitgehend, zogen auch die beiden anderen Patientinnen, auch dies ist ein Ausdruck der besseren Wahrnehmung eigener Grenzen.

Alle drei Patientinnen haben eine ambulante psychotherapeutische Behandlung aufgenommen, nach den letzten Informationen jeweils als Einzeltherapie. Zurück nun zur anfangs gestellten Frage im Behandlungsteam, ob sich MS-Patienten von anderen Patienten unserer Klinik unterschieden und dem spontanen "Ja" als Antwort. Zusammengefasst meinen wir, daß folgende Punkte bei dieser Differenzierung eine Rolle spielen könnten:

  1. Sämtliche Patientinnen waren ausgesprochen therapiemotivert, neigten jedoch auch in dieser Hinsicht, wie bei vielen Dingen des alltäglichen Lebens, dazu, sich leicht zu überlasten und die eigenen Grenzen nicht zu erkennen.
  2. Nur wenige Patienten zeigten ein so ausgeprägtes negatives Selbstbild, verbunden mit Selbstbestrafungstendenzen und einer konflikthaften weiblichen Identifikation wie diese drei. Eine Mitarbeiterin fühlte sich an eßgestörte, anorektische (magersüchtige) Patientinnen erinnert, ein anderer Mitarbeiter erlebte ähnliche Gegenübertragungsreaktionen wie bei Krebspatienten.
  3. Zentraler Punkt schien uns bei allen drei Patientinnen die Vermeidung und prompte Sanktion allein schon aggressiver Phantasien, wobei die körperliche Symptomatik in ihrem Auftreten dann fast an den Mechanismus des Ungeschehenmachens als Wendung gegen das Selbst erinnert.
  4. Bemerkenswert waren die ausgeprägten Vaterkonflikte, wobei die Erstmanifestation bei allen drei Patientinnen auch im Zusammenhang mit Trennungs- und Konfliktsituationen mit männlichen Bezugspersonen auftraten.

Symbolhaft zeigt der Traum einer Patientin während der stationären Therapie einige der genannten Aspekte: Im Traumbild sieht sie sich vor dem Elternhaus stehen, es besteht ein gewisser Abstand. Sie kann nicht hineingehen, sie kann aber auch nicht weggehen. In diesem Stillstand spürt sie plötzlich, daß sie abhebt, daß sich ihr Körper deformiert, und sie wacht mit Unwohlsein auf.

Aus dem Gesagten ergeben sich für uns folgende Überlegungen zur psychotherapeutischen Behandlung bei MS-Patienten:

Wir möchten sowohl den Betroffenen als auch insbesondere den betreuenden Kolleginnen und Kollegen vor Ort mehr Mut machen, diese Behandlungsweg als einen möglichen unter anderen zu wählen. Es gibt aus unserer Sicht keine Kontraindikation, die sich aus der Erkrankung an sich ergibt, auch wenn es durchaus im Verlauf der Behandlung zu schubähnlichen Verschlechterungen oder möglicherweise auch zu Schüben kommen kann. Entscheidend ist die Art des gemeinsamen Umgehens damit.

Wenn MS-Patienten psychotherapeutisch behandelt werden, sollte eine neurologische Betreuung sichergestellt sein, wobei diese am besten im Rahmen des Behandlungsteams vorhanden sein sollte. Das schafft Sicherheit für die Patienten und das Behandlungsteam und die Möglichkeit, auch Krisen gemeinsam zu tragen. Körper- und leibtherapeutische Verfahren in der Behandlung von MS-Patienten sowie der Einsatz kreativer Medien (Gestaltung, Malen innerer Bilder) sind aus unserer Sicht rein verbalen Interventionen vorzuziehen. Bei den vorgestellten Patientinnen handelt es sich zweifellos um eine selektierte Klientel, so daß daraus keine allgemeinen Schlüsse gezogen werden sollten.

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Die Gestaltung der Identität beim Erzählen der Lebensgeschichte" von Christian Roesler, Erstveröffentlichung 2/99

Ich möchte einige Ergebnisse aus dem Freiburger Forschungsprojekt "Medien der Selbstvergewisserung bei Krankheit und Behinderung" vorstellen. Im Rahmen dieser Forschung habe ich mit Menschen, die an verschiedenen chronischen Krankheiten oder Behinderungen leiden, autobiographische Erzähltinterviews durchgeführt, was bedeutet, daß ich mir vor diesen Personen ihre Lebensgeschichte in aller Ausführlichkeit habe erzählen lassen und diese Lebensgeschichten aufgezeichnet und in schriftliche Form gebracht habe. Unser Forschungsinteresse richtet sich dabei darauf, wie Menschen, deren Lebenslauf von einem solchen Einschnitt, wie es eine schwere chronische Krankheit oder Behinderung darstellt, unterbrochen wird, diese Infragestellung ihrer bisherigen Identität verarbeiten. Dabei ist unsere Auffassung, daß man die Identität eines Menschen, sein individuelles und einmaliges Selbstbild, das, was sich als kontinuierliche Linie durch sein Leben zieht und ihn ausmacht, am besten durch eine Analyse seiner eigenen biographischen Selbstdarstellung erfassen kann. Indem ein Mensch seine Lebensgeschichte erzählt, verdeutlicht er, durch welche Ereignisse er bestimmt wurde, wie er sich selbst und seine Welt sieht und welche eigenen Handlungen und Entscheidungen seinen Lebenslauf geprägt haben. Zur Analyse der biographischen Texte verwenden wir biographie- und erzählanalytische Methoden aus dem Bereich der Sozialwissenschaften (z. B. Glinska 1998, Riessmann 1993, Rosenthal 1994), mit denen sich auch die implizite Identität eines Erzählers herausarbeiten läßt, also eine Sicht der Person auf sich selbst, die sich im Erzähltext niederschlägt, der Person selbst möglicherweise aber so gar nicht bewußt ist.

Unter den von mir untersuchten Personen sind vier MS-Betroffene. Im folgenden möchte ich darstellen, wie diese Menschen mit ihrer Krankheit in ihrem Leben umgegangen sind, wie sie mit ihrer Krankheit Sinn in ihrem Leben gefunden haben und welche Form von Identität sie dabei ausgeprägt haben.

Wahrung von Kontinuität

Der Erzähler Herr F., heute 59 Jahre alt, erkrankte vor über 20 Jahren. In seiner Lebenserzählung legt er großes Gewicht darauf, daß alle wichtigen Bereiche seines Lebens von Kontinuität gekennzeichnet sind: zu den Schulkameraden aus seinem Heimatdorf besteht immer noch regelmäßiger Kontakt; als die Krankheit ausbrach, konnte er trotzdem weiter in seinem Beruf arbeiten, blieb sein gesamtes Arbeitsleben in derselben Firma; als er dann nach Jahren doch berentet werden mußte, blieb ein regelmäßiger freundschaftlicher Kontakt zu seinen früheren Kollegen - bis heute - bestehen; seinem seit der Jugendzeit bestehenden Hobby, Blues- und Rockmusik und Besuch der entsprechenden Konzerte, kann er nun sogar verstärkt nachgehen. Aus biographieanalytischer Sicht stellt diese Betonung des Fortbestehens aller wichtigen Beziehungen und Lebensbereiche eine Kontinuitäts- oder Normalisierungsstrategie dar, mit der Herr F. die Bedrohung der Kontinuität seines Lebens erfolgreich bewältigt. Denn natürlich stellte der Ausbruch und die Diagnose der MS die Fortführung seines gewohnten Lebens zunächst einmal sehr in Frage: er mußte befürchten, nicht mehr seinen Beruf ausüben zu können und fürchtete wohl auch, von anderen wegen seiner Krankheit abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden. Mit seiner Lebensgeschichte belegt er, daß dies nicht so kam, und kann so die Krankheit in sein Leben einfügen - sie hat seiner Biographie keinen wirklichen Schaden zugefügt. Insofern präsentiert sich Herr F. mit einer Identität, in der die Bewahrung und Fortführung des Bestehenden einen hohen Wert hat.

"So gesehen, geht´s mir jetzt sogar besser"

Auch die Erzählerin Frau E., 42 Jahre, gestaltet ihre Lebensgeschichte als eine kontinuierliche Biographie ohne Brüche und Verluste. Bei der Erzählung vom Ausbruch der Krankheit beschreibt sie sich selbst als sorglos und empfindet die medizinischen Maßnahmen eher als übertrieben. Als dann schließlich die Diagnose MS feststeht, kann sie auch diese neue Lebenssituation normalisieren, indem sie die Krankheit als eine Form betrachtet, die sich durch angemessene Medikation und medizinische Maßnahmen kontrollieren läßt. Diese Darstellung führt zu dem Bild, daß die Krankheit in ihrem Leben keinen Bruch oder eine irgendwie belastende Einschränkung darstellt. Zentral für Frau E. ist, daß sie sich einen Raum persönlicher Unabhängigkeit und Normalität aufrechterhalten kann. In dieser Hinsicht erlebt sie sich sogar zufriedener als vor der Erkrankung: die Krankheit war ihr ein Hilfsmittel dabei, sich von belastenden und entfremdenden Elementen in ihrem Leben zu befreien: vom alkoholabhängigen Ehemann, von dem Zwang zu einer anstrengenden Arbeitsbiographie, von Beschränkungen ihrer persönlichen Freiheit durch Familie und andere Verpflichtungen. Aktivitäten, die nun unmöglich geworden sind, werden von der Erzählerin umgewertet: z. B. waren die früheren Motorradurlaube in Jugoslawien dann doch nur gefährlich und anstrengend. Auch diese Selbstdarstellung folgt also einer Normalisierungsstrategie: die Krankheit wirkt nicht bedrohend oder zerstörend auf die Biographie, sondern läßt sich einfügen, kontrollieren und führt sogar zu einem der Erzählerin mehr entsprechendem Leben.

Reparaturstrategien

In manchen Fällen der Untersuchung und teilweise auch in bestimmten Lebensphasen der beiden schon genannten Erzählern gelingt allerdings eine solche normalisierende Bewertung der Krankheit nicht. Dann wird die Krankheit eher als eine Beschädigung des Lebens erlebt - eine Erzählerin beschreibt es einmal sehr bewegt so, als stecke sie in einem Gefängnis oder wäre festgekettet, eine Metapher, die sich auf den Aspekt der Lähmung bzw. den Verlust der Kontrolle über die Willkürmotorik bezieht. Diese Beschädigung der Intaktheit des eigenen Lebens wird dann in manchen erzählerischen Darstellungen zu reparieren versucht, man spricht dann in der Biographieforschung von Reparaturstrategien. Eine Form ist die Historisierung, die Verlagerung des primären Erfahrungsschwerpunktes in der Vergangenheit. Diese Reparatur verwendet der schon oben genannte Erzähler Herr F.. Das zeigt sich schon darin, daß er der Schilderung seines Lebens, beovr es von Krankheit stark eingeschränkt wurde, erheblich mehr Platz einräumt als der Zeit danach und der Gegenwartsphase. Weiterhin zeigt sich dies in seiner Schilderung der Arbeitsbedingungen und der Gestalt seiner Firma "zu meiner Zeit", bevor die Computerisierung seinen Beruf dramatisch verändert hat. Damals habe sich die Arbeit wirtschaftlich noch mehr gelohnt, und es habe eine viel menschlichere Gemeinschaft unter den Kollegen gegeben. Mit dieser Darstellungsweise kann der Erzähler ausdrücken, daß er am Leben teilgenommen hat, als es - "damals" - noch gut und schön war, während die heutigen Arbeitsbedingungen nicht mehr gut sind und es deshalb kein Verlust ist, davon ausgeschlossen zu sein.

Im Gegensatz zu dieser Strategie könnte man die folgende als Futurisierung bezeichnen, als Verlagerung des Erfahrungsschwerpunktes in die Zukunft. Die Erzählerin, Frau A., 37 Jahre alt, die schon im Jugendalter erkrankte, empfindet ihr Leben als extrem eingeschränkt durch die Krankheit. Sie hat sich besonders ausgiebig über die Krankheit und ihre Behandlungsmöglichkeiten informiert und will daraufhin die Aussage, MS sei nicht heilbar, nicht mehr akzeptieren. Sie hat sich für ein bestimmtes Behandlungsverfahren entscheiden und ist überzeugt, daß sie eines Tages ganz gesunden wird. Mit dieser Sichtweise kann sie sich aus der leidvollen Unterworfenheit unter die Herrschaft der Krankheit befreien und für sich wieder eine Position der Aktivität, des Kampfes gegen die Krankheit erwerben, ihre verlorengegangene Autonomie reparieren. In diesem Sinne kann man diesen Reparaturmechanismus unter den Oberbegriff der Reparatur durch Verwandlung von Passivität in Aktivität einordnen.

Dieselbe Erzählerin verfügt noch über eine weitere Reparaturstrategie, nämlich die Verlagerung des Identitätszentrums von der Körpersphäre auf die Willenssphäre. Es ist eine Erkenntnis der Identitätsforschung, daß der Sitz, das Zentrum des Selbst von Mensch zu Mensch in unterschiedlichen Bereichen des Seins verortet wird: in der schlichten Existenz des Körpers, in den geistig-intellektuellen Fähigkeiten oder in den zentralen zwischenmenschlicheren Beziehungen. Die genannte Erzählerin nun kann aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr selbstbestimmt gehen und ist körperlich geschwächt, lehnt sich aber verzweifelt dagegen auf und kann in mehreren Geschichten belegen, daß sie allein mit ihrer Willenskraft die Welt so bewegen kann, wie sie es will und braucht. Es ist, als würde sie sagen: Ich bleibe ich, solange ich das durch Willenskraft ausgleichen kann, was mir körperlich nicht mehr möglich ist, und solange bleibe ich Sieger über die Krankheit.

Einer eher sprachlich-rethorische Form der Wiederherstellung von Souveränität und Selbstbestimmtheit, die durch die Krankheit beschädigt wurden, finden sich bei mehreren Erzählern: ein selbstironisierendes oder zynisch-humorvolles Sprechen über sich selbst. So macht sich z. B. Frau E. über die Notwendigkeit, starke Medikamente in hohen Dosen einnehmen zu müssen, lustig, indem sie sagt, sie müsse wohl nach ihrem Tode als Sondermüll entsorgt werden. Diese Art der Selbstironisierung ermöglicht es den Erzählern, ihre Distanz zu der Betrofffenheit durch die Krankheit zu demonstrieren und sich damit als souverän über die Krankheit, als ungebrochen zeigen.

Die "Trotzdem-Haltung"

Eine ganz andere Form, mit der Krankheit im Leben umzugehen, stellt die Erzählerin Frau D. dar, heute 65, die Mitte 30 erkrankte. Sie schildert, daß die Diagnose MS sie zwar enorm erschüttert habe, daß sie dann aber in der Folge die Krankheit "hingenommen" und sich dahinein gefügt habe. Für sie war es in ihrer gesamten mittleren Lebensphase von zentraler Bedeutung, daß sie die Lebensaufgaben, die sie an sich gestellt sah (Kinder aufzuziehen, die alte Mutter zu pflegen, den Haushalt zu führen), trotz ihrer Krankheit pflichtgemäß erfüllen konnte. Bei der Schilderung dieser Lebensphase erwähnt sie ihre Krankheit und ihr eigenes Leiden kaum, hat wohl auch damals keine Rücksicht darauf genommen, und kann gerade daraus ihr Leben heute als gelungen präsentieren. Für diese Erzählerin wird also die Pflichterfüllung auch gegen die eigene Krankheit und darüberhinaus zur Sinnstiftung.

Krankheit als Kohärenzstifter

In der Identitätsforschung wird häufig betont, daß eine der wichtigsten Funktionen der Identität die Herstellung von Kohärenz des Lebens ist, daß also das eigene Leben un die Erfahrungen darin als etwas Zusammenhängendes, Einheitliches erlebt werden können, daß es gleichsam einen "roten Faden" durch das eigene Leben gibt (Linde 1993). Die Erzählerin Frau D. hat dabei eine ganz besondere Form der Kohärenzherstellung gefunden: die Krankheit selbst ist der rote Faden in ihrem Leben. Denn sie gestaltet ihre Lebensgeschichte entlang einer ganzen Kette von Krankheiten, die schon direkt nach der Geburt beginnt und sich dann später in der MS nur fortsetzt. Diese Sichtweise ermöglicht es ihr sogar, eine Kohärenz ihres Lebens mit dem ihrer Eltern und weiterer Vorfahren herzustellen, die alle an Krankheiten aus dem neurologischen Bereich litten. Herediät, die Vorstellung, die Gestalt des eigenen Lebens geerbt zu haben bzw. die Linie der Vorfahren fortzusetzen, wird für sie zu einem umfassenden Erklärungs- und Sinnstiftungsmuster.

Wandlung des Lebens

Schließlich soll noch eine Form der Sinnfindung genannt werden, die von einigen der Erzähler aus der Gesamtuntersuchung beschrieben wird: hier bewirkt die Konfrontation mit der Krankheit, die Auseinandersetzung mit Leiden, mit der Verunmöglichung mancher Lebensziele eine Wandlung der Persönlichkeit hin zu einer größeren Reife, mehr Wissen um das Leben, mehr innerer Sicherheit. Als Beispiel soll hier eine Schilderung von Frau E. dienen, die beschreibt, wie sie erstmals in eine Reha-Klinik kam und dort erstmals die Spätfolgen von MS zu sehen bekam. Zunächst beschreibt sie sich als schockiert davon und voller Angst, auch einmal so behindert zu sein, will zunächst fliehen, setzt sich dann aber doch dieser Erfahrung aus. Neue Sicherheit gewinnt sie dann aus einer zunehmenden Erfahrung mit ihrer Krankheit, mit dem Hineinfinden in ein ihr gemäßeres Leben und aus der Erfahrung, daß sich ihr Leben fortsetzt, die Krankheit Teil des Lebens wird und sie auch mit der Krankheit ein sinnvolles Leben führen kann. Ihre gesamte Lebensschilderung ist so angelegt, daß sie als ein Zugewinn an Reife und Zufriedenheit erscheint.

So zeigen sich im Überblick bei den verschiedenen Erzählern unterschiedliche Stile und Strategien, ihrem Leben mit der Krankheit einen Sinn zu geben und ihre Identität bei dieser Infragestellung entweder zu behaupten oder neu zu bestimmen. Die eigene Lebensgeschichte zu erzählen kann dazu dienen, den Sinn und Wert des eigenen Lebens zu fassen, in eine Form zu bringen und die rote Linie nachzuzeichnen, die sich durch das Leben zieht, auch wenn es durch eine chronische Krankheit einmal unterbrochen schien.

Literaturüberblick zur Psychosomatik der MS von Sigrid Arnade, Ausschnitte

1. Veröffentlichungen und Theorien im 19. Jahrhundert

Als vielleicht erster, der über MS schrieb, gilt der adlige Sir Auguste D´Este, im Jahre 1822. Der französiche Arzt Charcot war es, der die MS Mitte des 19. Jhd. einem größeren medizinischen Publikum bekannt machte. Charcot sah in "lang anhaltendem Kummer und Sorge" einen möglichen ursächlichen Faktor für die MS. Ein anderer Forscher namens Moxon beschrieb 1875 Fälle, bei denen die Symptome nach einem emotionalen Schock aufgetreten waren.

2. Die Suche nach der MS-Persönlichkeit

1921 erschien die erste psychoanalytisch orientierte Arbeit von Jeliffe. Ihm fiel auf, daß die Betroffenen bei sehr narzistischer Strukturierung und unbewußt wirksamer Fixierung an die Eltern extreme aggressive Tendenzen verdrängt hielten. Andere Forscher (Grinker et al.) schrieben 1950: Den MS-Betroffenen kennzeichnet psychologisch gesehen vor der Krankheit eine große Unreife seit frühester Kindheit. Lange bevor er Krankheitsanzeichen zeigt, ist er emotional anomal. Die Autoren bemerkten außerdem ein hohes Maß an Nachgiebigkeit und Passivität, das bei all ihren Patienten deutlich wurde. Von "Unreife" und "abhängigen Individuen" wird auch in anderen Arbeiten von 1948 (Langworthy) und 1951 (Jonez) gesprochen. Paulley´s Veröffentlichungen zwischen 1975 und 1985 beziehen sich auf 300 MS-Patienten, die er im Verlauf von 30 Jahren untersucht hat. Angenommen wird eine prämorbide Persönlichkeitsstruktur. Er oder sie ist unterwürfig, friedfertig, arbeitswillig, herzlich. Gefühlsmäßige Beziehungen werden besonders rigide kontrolliert. Es wird eine bes. emotionale Abhängigkeit und psychische Unreife mit exzessivem Liebes- und Zuwendungsbedürfnis beschrieben (Imman, 1948). Daraus schließen die Autoren, daß Trennungserlebnisse besonders traumatisch wirken. Der Psychosomatiker Büntig sagte 1985 über MS-Betroffene: Sie stellen einerseits sehr hohe Ansprüche an sich selbst, doch fehlt ihnen die Energie, diesen Anspruch auch zu erfüllen. Er beschreibt MS-Betroffene als fast durchweg vom Verstand geleitet, Meister im Verbergen von Emotionen. Deshalb ist Büntig überzeugt, MS sei eine Degenerationserscheinung, die "sich als Erschöpfung der Markscheide ausdrückt". Dahlmann, der Leiter einer psychosomatischen Klinik, schrieb 1990: "Der MS-Kranke hat Schwierigkeiten in der Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper und zu anderen." Generell ist ihm bei MS-Betroffenen die "große Fremdheit dem eigenen Körper gegenüber" aufgefallen.

3. Auslösende Ereignisse

Es folgen mehrere Beispiele von Untersuchungen, bei denen herauskam, daß psychisch belastende Situationen vorausgingen, wobei die Verschlechterung nicht mit der Quantität des Stresses, sondern mit der Qualität des Stresses korreliert.

4. Weitere psychosomatische Denkansätze

... 1983 veröffentlichte der Österreicher Jonas seine These, derzufolge MS etwa als schleichender Selbstmord zu betrachten ist. Aufgrund traumatischer Erlebnisse habe der Mensch resigniert und sei von Hoffnungslosigkeit geprägt. Das könne sich in Depressionen äußern, oder quasi alternativ als Autoaggression, als Selbstelimination. Hier ist eine Parallele zu der Arbeit von Jeliffe von 1921 festzustellen. Nach der Theorie von Sattmann-Frese von 1989 verhilft die MS den Betroffenen dazu, Anteile zu leben, die die Betroffenen sonst nicht leben würden (Abhängigkeit und Umsorgtheit). Sattman-Frese vertritt die Ansicht, daß man die Symptome überflüssig machen kann, wenn man lernt, sie zu verstehen und ihre Botschaft zu integrieren, also beispielsweise lernt, ein gesundes Mittelmaß zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit zu finden. Dazu sei meistens professionelle psychotherapeutische Hilfe notwendig. Debets, ein niederländischer MS-betroffener Arzt, veröffentlichte 1992 seine Arbeitshypothese. Er geht davon aus, daß traumatische Erfahrungen in frühen Entwicklungsphasen, evt. noch in der Gebärmutter als Ungeborenes, dazu führen, daß Impulse blockiert werden.

5. Krankheitsverarbeitung

.... Aus der Vielzahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema (Coping) seien hier die Arbeiten von Muthny mit seinen Kollegen von 1992 genannt: Diese Forscher verglichen Menschen mit Krebs, Nierenversagen, Herzinfarkt und MS. Dabei stellten sie fest, daß die MS-Betroffenen die höchsten Depressionswerte und die geringste Lebenszufriedenheit aufwiesen. Die niedrigsten Depressionswerte und die höchste Lebenszufriedenheit wurde hingegen bei den Menschen mit Herzinfarkt festgestellt. .....

6. Gegenwärtige Denkansätze und Ausblick

.... Es wird sich mehr um individuelle Hypothesen bemüht, als die Gemeinsamkeit der Patienten herauszufinden. ....

Als Abschluß dieser Artikel-Sammlung nun ein Abschlußwort von Sigrid Arnade:

Ausblick - Plädoyer für mehr Eigenverantwortung

Bleibt zum Schluß die Aufgabe, ein Fazit zu ziehen: Ich denke, daß das Fazit für den Bereich der Forschung schon im letzten Abschnitt des Literaturüberblicks formuliert wurde: Ein Plädoyer für die individuelle Sicht in der Forschung, die auf die gewohnten Schubladen verzichtet. Doch was ist das Fazit für MS-betroffene LeserInnen? Ich persönlich halte viel davon, Symptome in der Art von Sattmann-Frese - oder wie es im einleitenden Aufsatz eines MS-Betroffenen geschildert wurde - zu interpretieren und nach der Bedeutung für den Einzelnen zu fragen. Es ist meiner Meinung nach kein Zufall, daß wir ausgerechnet dieses oder jenes Symptom entwickeln. Um die Sprache der Symptome zu verstehen, finde ich zwei Fragen wichtig: Was will gerade dieses Symptom mir gerade jetzt sagen? Oft wird man keine Antwort finden. Aber manchmal ist es auffällig, welche Symptome zu welcher Zeit mit welchen Lebensumständen auftreten. Zumindest im nachhinein habe ich schon oft Erklärungen gefunden. Die meiner Ansicht nach zweite wichtige Frage in diesem Zusammenhang lautet: Welche Vorteile habe ich eventuell durch dieses Symptom? Was ermöglicht es mir, was ich sonst nicht bekomme? Ich will damit nicht sagen, daß diese Erkrankung toll oder erstrebenswert ist, geschweige denn, daß irgend jemand sie bewußt herbeigeführt hat oder gar selbst schuld ist. An dieser Stelle noch eine Anmerkung von mir zu der Frage der Schuld: Ich bin davon überzeugt, daß jeder Mensch in jeder Situation so gut agiert und reagiert wie er oder sie kann. Wenn dem Körper kein anderer Lösungsversuch als MS einfiel, so ist das bedauerlich, hat aber nichts mit Schuld des Betroffenen zu tun. Statt sich selbst Vorwürfe zu machen, sollte man oder frau eher für die Zukunft nach Wegen suchen, schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, ohne mit Krankheitssymptomen reagieren zu müssen.

Zurück zur Frage des Krankheitsgewinns: Ich denke, daß diese Frage helfen kann, das Symptom zu verstehen und eventuell überflüssig zu machen. Im Gegensatz zu Sattmann-Fresse bin ich allerdings der Ansicht, daß nicht alle Symptome verschwinden, wenn man sie versteht. Ich glaube vielmehr, daß es auch irreversible Schäden des ZNS gibt. Aber wer weiß? Wichtig ist aus meiner Sicht, ein ganzheitliches Verständnis für das Leben mit der Erkrankung an MS zu entwickeln und sich die Bedeutung für die eigene Identität klarzumachen.

Deshalb halte ich es für wichtig, bei sich selbst genau hinzuschauen: Was hilft, was hilft nicht, was brauche ich, wie bekomme ich es, was erhöht meine Lebensfreude und Lebenszufriedenheit? Natürlich kann niemand sich sein Leben so einrichten, daß es ihm oder ihr ständig super geht. Aber wenn man um die gefährlichen Momente weiß, kann man sich im Zweifelsfall Unterstützung holen, beispielsweise durch erfahrene BeraterInnen oder TherapeutInnen.

Wenn MS-betroffene Menschen dahin kommen, mehr Eigenverantwortung im Umgang mit ihrer Erkrankung an MS zu übernehmen, kann das ein Ende von Hilflosigkeit und den Anfang eines sinnvoll gestalteten Lebens mit der Krankheit bedeuten. Denn denjenigen, die selbst Verantwortung übernehmen, geht es nach meiner Erfahrung zumindest seelisch besser, weil sie sich nicht mehr so ausgeliefert fühlen. Das sollte allerdings ohne Allmachtsphantasien und ohne den Druck geschehen, alles im Griff haben zu müssen, denn sonst ist der nächste Frust vorprogrammiert. Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, daß in jedem Menschen große Potentiale von Selbstheilungskräften schlummern, die es zu entdecken und zu aktivieren gilt!

Damit schließe ich hier mal ab, bitte Euch, die Hefte ab jetzt bei Lebensnerv zu beziehen, obwohl ich weiterhin einzelne Artikel hier anfügen werde. 10. April 2002.

2. Heft 2002 "Unterschiedliche Eingangsmerkmale zur Gruppenpsychotherapie bei MS-Kranken" von Mine Gözütok, Joachim Kosfelder und Arnold Langenmayr

Zusammenfassung

Wir überprüften, welche Eingangsmerkmale für das Ergebnis der Gruppenpsychotherapie mit MS-Kranken von Bedeutung sind: Die Annahme der MS durch den Kranken und die Stabilität ihres Verlaufs profitieren vom Zulassen psychosomatischer Modelle, von Aufgeklärtheit und Bildungsstand. Die Beachtung körperlicher Signale fördert die Verbesserung des allgemeinen Leistungsvermögens durch die Therapie.

Das soziale Netzwerk ist für den Verlauf der Erkrankung von Bedeutung. So stehen z. B. Dankbarkeitserwartungen und Hilfsbereitschaft auf der Basis eigener Probleme der Helfer (Familie, Verwandtschaft) Verbesserungen im Wege und beinhalten die Gefahr, dass von den Helfern gegen die Therapie gearbeitet wird, um die durch das Helfen erreichten eigenen psychischen Entlastungen aufrecht zu erhalten.

Sehstörungen widerspiegeln einen starken psychosomatischen Anteil am Krankheitsgeschehen und sind daher für Besserungen des Krankheitsprozesses durch Psychotherapie ein günstiges Kriterium.

Fragestellung der Untersuchung

In früheren Untersuchungen unserer Essener Arbeitsgruppe hatte sich vor allem eine Verbesserung in der Annahme der Erkrankung durch die Erkrankten selbst und ihre Verwandten unter Psychotherapieeinfluss gezeigt. Auffällig war, dass das körperliche Leistungsvermögen nicht mit Maßen der Lebenszufriedenheit einherging, jedoch sehr wohl mit einer Reihe von Persönlichkeitsvariablen, so dass der Zusammenhang zwischen dem körperlichen Prozess und seinen psychischen Auswirkungen als gering anzusehen ist und schon von daher psychotherapeutische Maßnahmen sinnvoll erscheinen. Langfristig ergab eine Nachuntersuchung an denselben Klienten nach zwei Jahren im körperlichen Symptombereich eher deutlichere positive Effekte als unmittelbar im Anschluss an die Therapie.

Bei diesen früheren Analysen war uns aufgefallen, dass die MS-Klienten bezüglich ihrer Veränderungen unter Therapieeinfluss nicht als einheitliche Gruppe angesehen werden kkonnten, wie die teilweise erheblichen Streuungen unserer Therapieerfolgsmaße zeigten. Aus diesem Grund soll es hier zum Abschluss unserer Auswertungsarbeiten darum gehen, bei welchen Eingangsvoraussetzungen Psychotherapie angebracht sein könnte und bei welchen nicht oder, noch allgemeiner formuliert, bei welchen Eingangsvoraussetzungen in welchen Bereichen welche Veränderungen unter Psychotherapieeinfluss zu erwarten sind.

Die der Untersuchung zugrunde liegenden Daten waren an Mitgliedern der DMSG gewonnen (46 Personen in der Behandlungs- und 24 in der Kontrollgruppe). Die Behandlungsgruppen befandne sich bei zwei Therapeuten in wöchentlich 1 1/2-stündigen Sitzungen mit gesprächspsychotherapeutischer bzw. psychodramatischer Ausrichtung. Die Therapeuten waren während der gesamten Zeit in psychoanalytischer Supervision. Für die Auswertung verwendeten wir nur Fälle, bei denen nicht mehr als 10 Prozent fehlende Angaben vorhanden waren. So verglichen wir letztlich eine therapierte Gruppe von 31 mit einer nicht therapierten Gruppe von 20 Personen.

Interpretation der Ergebnisse

Eine besonders große Normenorientiertheit, wie sie sich im Giesen-Test, einem Selbstbeurteilungsverfahren zur Selbst- und Fremdeinschätzung, in der Tendenz zur Mitte widerspiegelt, steht einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der MS in der Therapie entgegen. Die Reflexion über die Krankheit wird hierdruch gebremst, zumal die Sicht der MS als rein körperliches Geschehen eher der Norm entspricht. Ebenso hinderlich ist jedoch eine besondere Tendenz zu Extremen, gemessen ebenfalls im Giessen-Test, in diesem Fall allerdings, was die Förderung der Akzeptanz der Erkrankung durch die Familie anbelangt. Extreme Sichtweisen, vermutlich auch bezüglich des Krankheitsgeschehens und der eigenen Person und extremes Verhalten des Kranken zu Beginn der Therapie verhindern, dass die Familie seine MS im Laufe der Therapie akzeptieren lernt. Sie fühlt sich provoziert und durch die Krankheit überfordert. Sicher mag auch eine Rolle spielen, dass die extreme Sicht zu Beginn der Therapie zum Teil eine Reaktion auf eine wenig hilfreiche soziale Umgebung sein kann. Allerdings wird es eine weniger ausgeprägte Tendenz zu Extremen der Familie ermöglichen, auf Veränderungen in der Therapie positiv zu reagieren.

Dass sich bei zu Beginn der Therapie ausgeprägter Tendenz zu Kontolle das Verhalten im Bad bessert, könnte man so erklären, dass die Therapie die vorhandene Tendenz zur Kontrolle nutzen kann, um sie zur Erreichung stabilen Verhaltens und von Überblich in einem so kleinen überschaubaren Rahmen wie dem Bad einzusetzen.

Auf Beziehungen zwischen Bildungsniveau oder Sozialschicht und Therapie wurde in der Literatur bereits vielfach eingegangen. Bei den von uns untersuchten MS-Kranken führte ein höheres Bildungsniveau zu einer Verstetigung des Krankheitsverlaufes und wurde unter Therapieeinfluss zum Abbau angstbedingter Überbewertung von Krankheitssymptomen genutzt. Die Kranken fühlen sich, gestützt durch die Therapie, weniger dem Krankheitsverlauf ausgeliefert, sind stabiler und bauen dieses Gefühl durch die Therapie aus. Die stützende Funktion der Therapie kann ihre wohltuende Wirkung um so eher entfalten, je informierter und reflektierter die Patienten sind, je mehr sie es schaffen, sich von ihren Emotionen und Ängsten nicht überfluten zu lassen, sondern sich mit ihnen rational auseinander zu setzen.

Auch dass bei Hochschulabschluss die Therapie eher rein organische Sichtweisen der MS zurückdrängt, spiegelt ein durch diese Variable bedingtes zunehmendes Gefühl wider, der Krankheit nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sie beeinflussen zu können: Die Therapie trägt dazu bei, dass der Kranke sich stärker gegenüber seiner Erkrankung fühlt, nicht mehr die Krankheit ihn beherrscht, er sich nicht mehr ohnmächtig fühlt, sondern die Krankheit gestalten zu können glaubt. Dies könnte ein direkter Ausfluss der Vermittlung psychosomatischer Vorstellungen in der Therapie sein, die bei entsprechendem Bildungsniveau auf fruchtbaren Boden fallen. Patienten, die ihre Krankheit vor allem unter organischen Gesichtspunkten sehen, vermögen hingegen von der Therapie nicht so zu profitieren, dass sie ihre Krankheit zu akzeptieren lernen. Sie wehren sich gegen andere Ansichten von der Krankheitsentstehung und dürften von daher aus der Therapie insgesamt weniger Nutzen ziehen.

Dass sich Sehstörungen als ausgesprochen günstiges Indiz für ein körperliches Ansprechen auf die Therapie erwiesen haben, ist ein überraschendes Ergebnis. Die Beeinflussung des körperlichen Wohlbefindens und der körperlichen Funktionen sind in diesen Fällen besonders gut möglich. Entweder ist im Fall von Sehstörungen als wesentlichem Symptom der MS der psychosomatische Anteil an der MS besonders groß, so dass die Aufarbeitung in der Therapie den Krankheitsprozess als ganzen mehr berührt als im Fall des Überwiegens anderer Symptome. Oder die Motivation zur Mitarbeit in der Therapie ist bei Sehstörungen besonders groß, so dass die hiermit verbundenen Ängste eine besonders intensive Mitarbeit in der Therapie bewirken. Unsere Ergebnisse deuten jedenfallsl an, dass es sich hierbei um ein geeignetes Vorhersagekriterium für Verbesserungen durch die Psychotherapie, auch bezüglich der körperlichen Aspekte des MS-Verlaufs handelt.

Als vorläufige Hypothese könnten wir uns den Zusammenhang zwischen Gehen und Veränderungen des Verhaltens im Bad so erklären, dass durch die Wirkung der Therapie die verringerten Möglichkeiten im Gehen besser genutzt und planvoll eingesetzt werden können und dies zu einem stabilisierten Verhalten im Bad beiträgt. Der Effekt erweist sich als um so größer, je größer die Beeinträchtigung zu Beginn der Therapie war.

In unseren früheren Untersuchungen hatte sich insbesondere eine Auswirkung der Psychotherapie auf die Gestaltung verwandtschaftlicher Beziehungsmuster gezeigt. In dieser Untersuchung zeigen sich andererseits nun die verwandtschaftlichen Beziehungen für den Effekt der Psychotherapie von Bedeutung. Ein aktiver Einsatz der Verwandtschaft für den MS-Kranken erleichtert der Psychotherapie das Hinarbeiten auf eine generelle Annahme der Erkrankung, sowohl durch den Kranken selbst als auch durch die Verwandtschaft, bedingt indirekt durch die therapiebedingten Veränderungen des Kranken.

Die zunehmenden Tendenzen zur Selbständigkeit des Kranken und sein zunehmendes Selbstwertgefühl im Laufe der Therapie werden von der Verwandtschaft dann nicht ertragen, sondern durch Aktivitäten negativ beeinflusst, wenn instabile verwandtschaftliche Beziehungen den psychologischen Hintergrund abgeben. In diesen Fällen erfolgt die Aktivität aus Schuldgefühlen, der Kranke wird zum Ersatzkontakt und zur Bestätigung des eigenen Selbstwertgefühls missbraucht. Gegen die Therapie und die durch sie bedingten Veränderungen wird aktiv mi zunehmender "Hilfsbereitschaft" angegangen. Wir könnten diese Mechanismen als Widerstand im Sinne der Psychoanalyse interpretieren.

So zeigen unsere Ergebnisse auch die problematische Seite von Hilfsbereitschaft. Vor allem Dankbarkeitserwartungen blockieren diesbezügliche Erfolge und halten den Kranken in der Rolle des kleinen Kindes mit entsprechenden Gefühlen und der Beibehaltung der Rolle des unmündigen Kindes mit entsprechenden körperlichen Reaktionen. Unsere Daten zeigen, dass insbesondere die Blasenfunktion auf solche Mechanismen anspricht. Ein Klima der Dankbarkeitserwartung in der Familie behindert die Ausbildung festhaltender Impulse unter Therapieeinfluss. Der Kranke hat das Gefühl, ständig geben zu müssen und sich nicht wehren zu können.

Unsere Daten erlauben allerdings nicht, sauber zwischen tatsächlichen körperlichen Reaktionen und den entsprechenden Gefühlen der Kranken zu unterscheiden, da wir keine medizinischen Untersuchungsdaten zur Verfügung hatten. Daher können wir, auch wenn unsere Vermutung eher ist, dass unsere Daten tatsächliche körperliche Geschehnisse widerspiegeln, die Interpretation als subjektive Veränderungen des Gefühls einer Beeinträchtigung der Blasenfunktion nicht sicher ausschließen. Verbesserungen der Blasenfunktion im Laufe der Therapie sind auch beeinträchtigt durch die Fixierung auf aktuelle Konflikte, zu denen der Kranke keinen eigenen Bezug sieht. Sie verhindert die Entwicklung eines größeren Machtgefühls gegenüber der Umwelt in der Therapie.

Die Bedeutung enger menschlicher Beziehungen für die Auswirkungen von Therapie zeigt sich auch am Zusammenhang zwischen Zusammenleben mit einem Partner zu Beginn der Therapie und Verbesserungen im Treppensteigen. Wir vermuten, dass in diesen Fällen die Tendenz, sich hängen zu lassen, geringer ist und die Therapie leichter gegen und die Therapie leichter gegen resignative Tendenzen angehen kann. Denkbar ist auch, dass über den Einfluss auf das Partnerverhalten und die Partnerinteraktion das Treppensteigen beeinflusst wird, sei es durch Hilfe und Ermutigung oder durch Zur-Seite-Stehen, ohne sofort aktiv helfend einzugreifen. Die psychologische Literatur weist mehrfach auf den Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und Krankheit hin.

Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass das körperliche Geschehen Rückwirkungen auf die psychische Situation hat und die Möglichkeiten von Psychotherapie mitbestimmt bzw. im ungünstigen Fall erheblich beschneiden kann. So erlaubt ein stabiler Verlauf, die eigenen Anteile an der Erkrankung in Rechnung zu stellen, während bei instabilem Verlauf der Kranke von Hoffnungslosigkeit und Angst überschwemmt wird. Jedoch mag bei Personen, die deutlich zu aggressiver Gehemmtheit ("Aggressionen herunterschlucken") tendieren, die stärkere Beachtung von situativen Gegebenheiten im Sinne von Sich-Ärgern über die Umgebung ein erster positiver Schritt in der Therapie sein.

Wesentlich ist ganz offensichtlich für die Möglichkeiten psychotherapeutischer Beeinflussung auch, inwieweit Kranke auf ihre eigenen spontanen Impulse und Körpersignale achten. So profitieren offensichtlich Personen, die ihre Körpersignale berücksichtigen, sich auf sich zurückziehen und nicht in Aktivitäten und Hektik fliehen, stärker von der Therapie für ihr körperliches Leistungsvermögen. Eine eigene Wünsche beachtende Einstellung hilft der Therapie somit am ehesten, ihre heilende Wirkung zu entfalten. Dies entspricht ganz den Vorstellungen in bedeutenden psychotherapeutischen Konzepten und der dort der Selbstentfaltung zugewiesenen Bedeutung z. B. in der personenzentrierten Psychotherapie, oder Psychoanalyse oder der Gestalttherapie.

Zusammenfassung der Resultate

Fassen wir die wesentlichsten Resultate zusammen, die zur Bildung von Hypothesen darüber dienen können, bei welchen MS-Kranken Psychotherapie angezeigt sein könnte:

Insgesamt fanden wir sehr unterschiedliche Auswirkungen von Psychotherapie in Abhängigkeit von familiären Daten, Persönlichkeitsdaten und Krankheitsdaten zu Beginn einer Psychotherapie auf deren Ergebnis und z war wiederum in den verschiedensten Krankheitsbereichen. Allgemeingültige Auswirkungen sind demzufolge eher nicht die Regel. Diese Situation macht allerdings die Planung und Vorhersagbarkeit der Therapieeffekte bei MS außerordentlich schwierig. Psychotherapie kann bis hinein in den körperlichen Prozess der MS etwas in Bewegung bringen, allerdings hängt dies im Einzelnen von der psychischen und körperlichen Ausgangslage ab. Einige generellere Aussagen, die sich dennoch aus unserer Untersuchung ergeben, sind:

Psychosomatische Faktoren sind besonders dann an der körperlichen Seite der MS beteiligt, wenn eine Beeinträchtigung des Sehens vorliegt. Daher sind auch Sehstörungen eine prognostisch besonders günstiges Kriterium für die Möglichkeit einer Einwirkung auf den Krankheitsprozess der MS mittels Psychotherapie. Möglicherweise ist aber auch in Fällen von Sehstörungen die Motivation zur Therapie größer.

Familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen sind für Veränderungen durch die Psychotherapie relevant. Sie haben Auswirkungen auch auf die Verbesserung körperlicher Symptome durch die Therapie (Treppensteigen, Blasenfunktion). Für den Therapeuten ist es wichtig, undurchsichtige Motive für Hilfsbereitschaft im sozialen Umfeld des Kranken zu klären. So stehen familiäre Dankbarkeitserwartungen einer Verbesserung der Blasenfunktion entgegen. Hilfsbereitschaft wirkt gegen die Therapie, wenn sie auf Bedürfnissen basiert, die von Schuldgefühlen, gespannten Beziehungen, Beziehungsängsten und Missbrauch des Kranken gespeist werden. In solchen Fällen ist von der Familie oder Verwandtschaft eher Widerstand gegen die Erreichung größerer Selbständigkeit und größeren Selbstbewusstseins des Kranken und damit gegen die Therapie zu erwarten. Hier empfehlen sich besonders familientherapeutische Ansätze.

Eine Sicht, die die Krankheit in Beziehung zu individuellen Verhaltensweisen bringt, ist für Veränderungen durch die Therapie günstig. Informiertheit über psychosomatische Modelle und Reflexionsfähigkeit (z. B. bei Hochschulabschluss) begünstigen einen stabilen Verlauf. Sehr starke Konzentration auf die organisch-unveränderliche Seite oder auf unveränderliche situative Faktoren behindern die Akzeptanz der MS durch den Kranken und die Therapie.

Für Verbesserungen des körperlichen Leistungsvermögens durch die Therapie ist besonders günstig, wenn der Patient auf Signale der Überforderung achtet und sich entsprechend verhält.

Sehr starke Normenorientiertheit verhindert, dass der Kranke während der Therapie seine Krankheit akzeptieren lernt. Eine sehr starke Tendenz des Patienten zu Extremen andererseits verhindert, dass die Therapie Wirkungen entfalten kann, die der sozialen Umgebung des Kranken helfen, die Erkrankung zu akzeptieren.

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